Habt ihr schon einmal Wien Mitte August erlebt? – Etwas Vergleichbares mit den „Hundstagen“ in Rom gibt es in Wien ebenfalls. Unerträglich heiß und schwül kann es in der Stadt werden. Wenn dann noch das berühmte Wiener Lüftchen einmal fehlt, bleibt einem tatsächlich nur die Flucht an die Alte Donau? Nein.
Sogar in der Innenstadt gibt es kühle Orte. Genau die hatten sich Opa Häschtäg, Mama Häschtäg und Anna bei ihrem Kurzbesuch auf meinen Rat hin vorgenommen: Oroundo empfiehlt sogar das Passende auf der Auswahlliste der Sehenswürdigkeiten. Gerade noch urlaubten die Häschtägs in Kroatien – schauten an der Adria-Küste auch in der römischen Arena von Pula vorbei.

Seit gestern Abend sind sie in Wien, wo Großstadt sogar im Hochsommer funktioniert. Wir trafen uns zur Verwunderung der drei im „Augustinerkeller“ neben der Albertina. Hier handelt es sich um eine der skurrilen Wiener Gaststuben, zu der man eine lange, steile Treppe mehrere Stockwerke in die Tiefe hinuntersteigen muss.

Das war schon ein kleiner Hinweis an meine drei Gäste, dass Wien nicht nur oben ein Leben hat, sondern sehr wohl auch darunter etwas los ist, was in Staunen versetzt. In diesen verborgenen Hallen tafelten schon bei der letzten Belagerung der Stadt durch die Türken im 17. Jahrhundert die verbliebenen Bewohner der Stadt und tranken sich Mut an. Uns trieb nur der Durst hierher.
Mir ging es um eine kleine Einstimmung darauf, was uns in weiterer Folge bei der Stadterkundung erwarten würde. Vor allem wollte ich heute Anna überraschen: mit dem geheimnisvollen, morbiden Wien. Es gibt eben nicht nur den Zentralfriedhof! Wir tranken aus und begaben uns alsbald zum nahe gelegenen Kapuzinerkloster am Neuen Markt.
Dahinter und darunter verbirgt sich die sogenannte Kapuzinergruft, die auch Kaisergruft genannt wird, wie der historisch bewanderte Opa Häschtäg mit erhobenem Zeigefinger anmerkte.

Er erinnerte sich außerdem vage an Fernsehberichte anlässlich feudaler Beerdigungen vor ein paar Jahren in der wohl wichtigsten Grablege der Habsburger-Dynastie: Kaiserin Zita und Otto von Habsburg mit seiner Frau – mit jeweils riesigem Menschenauflauf und viel Pomp, sagte Mama Häschtäg sofort, die beim Frisör solche Regenbogenzeitschriften-Infos aufschnappt.
Wir schauten uns erst die Klosterkirche und die mit allerlei Kostbarkeiten ausgestattete Schatzkammer an. Mit knappen Infopapieren ausgestattet begaben wir uns endlich hinunter in die alten Kellergewölbe. Einen mobilen Guide von Oroundo, den die allmählich zur Kulturpilgerin werdende Anna über ihr Smartphone von anderen Orten kannte, gibt es hier noch nicht. Dieser kann ihr Sehenswürdigkeiten genau dort erläutern, wo Anna sich gerade befindet. Die vielen weltweiten Besucher hätten sicherlich auch nichts dagegen, Infos in ihrer Muttersprache auf ihrem Handy zu erhalten.
In so tiefen Hallen gelingt Oroundo die Vermittlung technisch sogar ohne W-Lan, das es in der Gruft ohnehin nicht gibt.

Mama Häschtäg staunte nicht schlecht, dass in der Kapuzinergruft die wichtigsten gekrönten Häupter der Habsburger seit dem 17. Jahrhundert ihre letzte Ruhe fanden. Opa Häschtäg, der den ein oder anderen Regenten in die Geschichte einsortieren konnte, hätte sich über Anekdoten gefreut. Wir entdeckten hier im Stil unterschiedlich gestaltete Grabmäler wie das von Maria Theresia. Mama Häschtäg kam bei diesen barocken Kunstschöpfungen nicht aus dem Staunen heraus und wäre dennoch über Detailaufnahmen erfreut, die sie auf ihrem Smartphone sehen könnte.

Das zumindest würde der multimediale Oroundo-Guide leisten, den sie von anderen Orten kannte. Opa Häschtäg las stattdessen von den kleinen Infotafeln die Lebensdaten und konnte hier noch manche Geschichte hinzuzufügen, die sogar Annas Interesse fand. Mama Häschtäg hätte gern noch mehr erfahren und wäre über einen Oroundo-Führer glücklich gewesen, den es hier leider noch nicht gibt.
Anna zeigte uns die schlichten Steinsärgen mit Blumenspenden: Kaiser Franz-Josef, zu seiner Seite die von einem Attentäter ermordete Kaiserin Sisi und der durch Selbstmord (mit seiner Geliebten) aus dem Leben geschiedene Kronprinz Rudolf (ohne seine angetraute Gemahlin). In der Nähe begraben liegt das bei einem Attentat in Sarajewo ermordete Kronprinzenpaar – ihr Tod gilt auch als ein Auslöser für den Ersten Weltkrieg, über den nun in epischer Breite Opa Häschtäg reden wollte. Weil Anna und Mama das aber nicht wirklich interessierte, musste ich die drei gedanklich umleiten.

Die Kaisergruft ist mehr als nur eine Grablege! Hier lassen sich so viele Geschichten erzählen. Solche, die jeder erfahren sollte und jene, die sich jeder nach Interesse auswählen dürfte. Die Oroundo-App schafft diesen Spagat.
Also musste ich die wichtige Geschichte von den Begräbnisriten der Habsburger selbst erzählen: In den Grabmälern liegen die einbalsamierten Körper. Die Innereien der Herrscher – das fand Anna noch gruseliger als die vielen drastischen Todessymbole auf den Gräbern – werden in anderen Kirchen aufbewahrt. Die Herzen in Gefäßen in der Augustinerkirche in Wien, übrige Innereien in einem Raum unter dem Stephansdom.
„War da nicht auch noch eine geheimnisvolle Zeremonie vor der Kapuzinerkirche, als der Leichenzug die Särge der gekrönten Häupter herbrachte?“, fragte Opa Häschtäg. Ich bejahte: „Hier handelt es sich um das sogenannte Anklopfritual bei der Beisetzung der Habsburger.
Und ich würde es begrüßen, wenn man das den Besuchern lebendig vermittelt, auch die christliche Botschaft dahinter, die heute kaum einer mehr versteht. Zu zeigen wäre das etwa über einen kleinen Film, den man sich auf dem Smartphone anschauen könnte: Draußen vor dem großen Tor klopft und bittet ein Sprecher um Einlass. Er zählt stolz die zahlreichen Titel des Verstorbenen auf.
Der Kapuzinerpriester hinter dem Tor lässt sich davon nicht beeindrucken und verwehrt die Aufnahme. Der Sprecher nennt nach erneutem Klopfen weitere Auszeichnungen und Ehrungen und bittet abermals um das Öffnen des Tors für den Toten. Der Priester verneint erneut. Nach drittem Klopfen bittet der Sprecher um Einlass eines sterblichen, sündigen Menschen. Erst jetzt findet der Verstorbene seinen Weg in die Gruft zur letzten Ruhe.“ Anna beeindruckt dieses Prozedere, das ihr wie aus einer anderen Welt erscheint, und Mama freut sich besonders über die Bescheidenheitsgeste.
Opa Häschtäg will auf jeden Fall zuhause noch mehr über dieses Ritual nachlesen. Wir verlassen den stillen Ruheort der Habsburger und schreiten aus der Kühle der weihevollen Grufträume in die Gluthitze der Stadt. Wir schauen uns baff entsetzt an und ich frage augenzwinkernd: „Wollen wir nun in den Zwölf Apostelkeller?“. Dort erzählt er mir von eurem nächsten Reiseziel!

Bild (c) Gryffindor, Wikimedia